Nein, das ist keine Trainingshandschelle, auch wenn dies aufgrund des “fest verbauten” Schlüssels den Anschein macht. Leider war diese Symbiose unfreiwillig, so dass dieses bedauernswerte Exemplar den Weg über einen gut befreundeten Sammler zu mir fand. Offenbar versuchte in der Vergangenheit schon jemand, sein Malheur rückgängig zu machen, scherte aber, vermutlich unter nicht unerheblichen Kraftaufwand, nur den Schlüsselkopf ab. Was den Fall noch interessanter macht – also ab auf den Sezier-Tisch!

AWNaht übergedreht
Wer den falschen Schlüssel nimmt…

Die A.-W.-Naht-Handschelle ähnelt äußerlich weitgehend der Clejuso12D. Letztere befindet sich übrigens auch in der Warteschlange zur Schlachtbank, es wird also ein interessanter Vergleich des Innenlebens werden. Der heutige Auftritt gebührt jedoch erstmal der Naht.

Die Firma bzw. das Unternehmen A.-W.-Naht scheint es noch zu geben, so existiert und residiert dieses noch in Hamburg (der eingestanzte Schriftzug auf dem Verschlussbügel lügt also nicht). Auf deren recht übersichtlicher Website fand ich leider keinen Hinweis auf eine Handschellen-Fertigung. Womöglich möchte man sich heutzutage damit nicht rühmen, was aber reine Spekulation meinerseits ist. Handschellen sind ja eh nur ein Thema für komische Leute. Think different?! Gerne doch!

Zum Thema “Falscher Schlüssel bei der Naht und was dabei passiert” wird es bald noch einen separaten Beitrag geben. Dieser Artikel hier beschränkt sich auf die Übersicht der Bauteile. Bitte auf die einzelnen Fotos klicken, um diese vergrößert anzuzeigen.

AWNaht zerlegt
Nichts zu verbergen

Die Gehäuseteile werden mit 2mm-Nieten zusammengehalten (3 Stück), die einseitig als Senkkopf ausgeführt sind. Die vierte Niete, die ebenfalls den Job des Zusammenhalts ausübt, ist in der Stärke 2,5mm ausgeführt, hält zusätzlich die Lasche für den Drehwirbel und besteht aus Edelstahl. Der Unterschied zwischen herkömmlichen Stahlvollnieten und Edelstahlvollnieten ist erheblich und macht sich spätestens beim Ausbohren deutlich bemerkbar. Ich empfehle, dafür spezielle Bohrer einzusetzen, z. B. mit Kobalt-Anteil, und eine Bohrvorrichtung wie eine Standbohrmaschine.

Weiterhin gibt es noch zwei weitere 2mm-Nieten, die beidseitig mit Halbrundkopf daherkommen. Eine hält die Schlossfalle, die andere die Feder für die Double-Lock-Betätigung. Zu guter Letzt fehlt noch die Verschlussbügelniete, die als Vollniete mit mutmaßlich 3,5mm Durchmesser und in Edelstahl daherkommt. Genau dies und die messingfarbene Hülse, die in der Bohrung des Verschlussbügels weilt, könnten, neben der grundsätzlichen Form, ein Hinweis auf eine Clejuso-Verwandtschaft sein.

AWNaht Funktionsdetails
AWNaht, innere Mechanik (ohne Federn)

Die Schlossfalle wird von einer Flachfeder unter mechanischer Vorspannung gehalten bzw. drückt diese gegen den Verschlussbügel. Der Double-Lock-Schieber wird über eine kleine Querwelle betätigt, die in einem beidseitig ausgeführten Langloch sitzt und von einer Zugfeder, die an einem der Niete ihr Gegenlager hat, in Ausgangsstellung gehalten. Die Entriegelung des Double-Locks und das Freigeben des Verschlussbügels jeweils mit Schlüssel erfolgt in entgegensetzte Richtungen.

Bemerkenswert ist weiterhin die grundsätzliche Form dieser Art von Handfesseln, ähnlich wie der schon erwähnten Clejuso12D oder auch den Modellen von Rivolier oder heutzutage auch GK: Die Handgelenke werden nicht wie sonst mit deren Innenseite zueinander (oder abweisend voneinander) festgelegt, sondern beide rückwärtig zeigend, wobei die außermittige Anbringung der Verbindung beider Handschellenteile noch eine geringfügige Verdrehung forciert.

Eine Vernickelung benötigt eine Trägerschicht, wofür in diesem Fall vorher verkupfert wurde. Für alle, die einmal unter einer glänzenden, silbrigen Metallschicht beim Ankratzen oder Schleifen plötzlich etwas kupferfarben Schimmerndes entdeckten: Keine Sorge, als Grundmaterial wird hier sicherlich kein Vollkupfer verwendet worden sein, wäre dieses doch viel zu weich. Anstatt das Grundmaterial (Stahl) aber zu vergolden, um hinterher eine Nickelschicht auftragen zu können, entschied man sich nachvollziehbarerweise für eine Kupferbeschichtung. Diese lässt sich an den Innenseiten der Schlosskastendeckel noch sehen und daraus erahnen, dass das Schlossteil inkl. Innenleben vorgefertigt wurde und erst im zusammengebauten Zustand (ohne Verschlussbügel) einer Vernickelung unterzogen wurde. Wer hier genauere Infos hat, darf sich gerne melden, ich ergänze den Artikel dann.

Die Stärke der Schlossdeckel sowie der Zwischenbleche beträgt jeweils 2mm, der Verschlussbügel ist 3,5mm stark. Zwischen der Beschaffenheit des Handschellenkörpers und des Verschlussbügels besteht ein feiner, auf den ersten Blick kaum wahrnehmbarer Unterschied, daher tippe ich auf Edelstahl beim Verschlussbügel und (widerstandsfähigen) Stahl beim restlichen Aufbau.

Wer mit dem Gedanken spielt, sich eine gebrauchte A.-W.-Naht, z. B. über die Bucht oder sonstigen Kleinanzeigen zulegen zu wollen, sollte peinlichst genau darauf achten, dass auch der Originalschlüssel mitgeliefert wird!