Höher, schneller, weiter, größer – immer und überall! Überall? Nein, ein kleiner Handschellenbastler hört nicht auf, der “Technischen Richtlinie” (und deren Dimensionen) Widerstand zu leisten.

Der Vergleich zwischen CL12 und 12L
CL12 (oben) vs. 12L (unten)

So oder so ähnlich begann jedes Heft einer sehr bekannten Comic-Reihe, die ca. 50 v. Chr. spielte. Aber auch gut 2000 Jahre danach existieren tagtäglich immer wieder Dinge und Begebenheiten, die hinterfragt werden sollten, auch wenn alle anderen willig-opportun diesen hinterherlaufen. Niemand hatte vor, 60mm breite Handschellen zu bauen. Und nun ist dieses Maß Vorschrift, sofern man denn für Polizei und Behörden fertigen möchte (gemäß der oben schon erwähnten Technischen Richtlinie TR). Was waren das für Zeiten, in denen die Handgelenke unserer Kriminellen noch in Alcyon Handfesseln passten. Aber während hierzulande die festzusetzenden Bösewichte aus Sicht der Vorschriftengeber aufgehen wie Hefeklöße, so gibt es durchaus noch Anwendungsfälle, die zartere, dedizierte Maße erfordern, um nicht mit einem bis zu Zentimeter großen Spiel wie nur rübergeworfen zu wirken. Dieser Aufgabe stellte sich der Autor dieses Artikels.

Einzelteile einer Clejuso 11 eingescannt
Bestandsaufnahme einer alten Schrott-CL11 mittels herkömmlichem Scanner

Als Grundlage und technische Basis für dieses Vorhaben kam abermals ein Produkt aus dem Hause Clejuso in Frage. Wer hier mittlerweile gähnt vor technischer Einseitigkeit, den möchte ich beruhigen, denn auch andere Hersteller werden in diesem Blog ganz sicher noch nähere Betrachtung finden. Eine zuerst CL11 und dann CL12 Handfessel bot sich einfach an, weil diese vom Design her sehr gut passte, preiswert zu erstehen ist (ca. 29 bzw. 33 Euro, Stand April 2023) und bezüglich Zerlegens und Zusammensetzen vergleichsweise wenig Probleme macht. Außerdem besaß ich zum Anfang dieses hier geschilderten Vorhabens noch eine voll funktionsfähige Clejuso 11 und mehrere Teile Schlachtware vom gleichen Typ, die sofort unter den Scanner wanderten zur digitalen Aufarbeitung. Dabei kam diesmal tatsächlich keine Kamera an einem weiträumen Stativ zum Einsatz. Ein normaler Flachbettscanner reichte, um ein Abbild zu erzeugen. Zusammen mit einem eingelegten Maßband (ein Lineal geht auch) lässt sich nachgelagert im CAD-Programm seiner Wahl ein maßstabgetreues Abbild fertigen. Zum Einsatz kam bei mir übrigens wieder mal FreeCAD.

Konstruktion des späteren Verschlussbügels in FreeCAD
(Re-)Konstruktion in FreeCAD. Mit im Bild: der Handgelenk-Dummy

Es erforderte noch ein paar Zwischenstufen der Bildaufbereitung, die ich hier nicht im Einzelnen schildere (vielleicht mal in einem Youtube-Video, falls Interesse besteht). Letztendlich werden diese Fotos im CAD-Programm auf die Ebenen projiziert. Skizze daraus gemacht, Maße ermittelt, alles eingeschränkt, extrudiert – und schon wird das Bauteil zum ersten Mal visuell greifbar. Das Oval im oben dargestellten Screenshot entspricht den vorher ermittelten Maßen für das Ziel-Handgelenk. Quasi ein Maßanzug.

Theoretisch könnte die Datei zur Fertigung jetzt schon zum Dienstleister gehen, aber da ich mein größter Kritiker bin und über das Privileg eines 3D-Druckers verfüge, wollte ich vorher ein Bauteil zum Anfassen haben. Nach jeweils einer halben Stunde Druckzeit hatte ich dann die 3mm hohen Verschlussbügel fertig zur ersten Verbauprüfung vor mir liegen. Dafür mussten dann meine CL11 herhalten, die ich seit ca. 15 Jahren besaß. In Hoffnung, dass die Fa. Clejuso nicht für die letztendlich zu bauenden Modelle in der Zwischenzeit die Geometrie geändert hat und ich Teile für die Vergangenheit produziere. Wobei “produzieren” nicht im Sinne von “Produktion” gemeint ist. Es war eine private Bastelei und eine Herausforderung an die Machbarkeit: Kann ich wirklich mittels Scanner und OpenSource-Software so genau arbeiten, dass ein gebrauchsfähiges Teil hinterher dabei herauskommt? Vorweg die Antwort: Ja, es geht!

Konstruiert habe ich jedenfalls zwei Typen von Verschlussbügeln: einen sichelmondförmigen und einen á la ASP (wegen der geraden Linie). Wider Erwarten und entgegen meinen persönlichen Präferenzen an die spätere Optik entschied sich die Community bei Instagram für die erstere Variante. Also musste jetzt ein erster Prototyp aus Metall her.

Der Verschlussbügel Version 1 in einer handgefertigten Metallversion
Das erste “richtige” Teil aus Metall, gefeilt per Hand

Da mir die Erzeugung einer DXF-Datei und die Fertigung via CNC-Laser immer noch verfrüht erschien, schaute ich nach, was ich denn noch so als Materialien in meiner Bastelecke herumliegen hatte: 3mm Stahlblech, check! Die identische Höhe besaßen die originalen Verschlussbügel. Somit wurde mittels Bohrer, Säge und verschiedenen Feilen aus einem 10cm x 10cm großen Blech der erste komplett handgefertigte Bügel. Inklusive der von Hand gefeilten Zahnraste. Glücklicherweise verwendet Clejuso hier einen Winkel von 60°, sprich: der Winkel einer Dreikantfeile. Beim obigen Foto war ich übrigens zu neugierig auf das Endergebnis, als dass ich mir die Zeit nahm, alle Zähne zu feilen. Diese Anzahl reichte für einen ersten Funktionstest voll aus. Ein paar Tage später kamen dann noch die restlichen Zähne dazu.

Handgemachter Verschlussbügel verbaut in einer CL11 für einen ersten Test, optisch und funktional
… und verbaut in der CL11, die vorher mit den PLA-Teilen aus dem 3D-Drucker bestückt war

Alle Funktionen der Handfessel waren gegeben unter Verwendung des neuen Bügels, den ich zunächst mit einer Verschraubung fügte. Irgendetwas hatte ich wohl richtig gemacht. Und “maßgeschneidert” passte diese Handschelle auch sehr gut (ein Test am lebenden Zielobjekt).

Ich kann dieses Vorgehen, also das des vorab provisorischen Zusammenbaus und ausgiebigen Funktionstests, jedem Bastler nur empfehlen, denn sitzt die Niete erstmal und passt dann etwas nicht, ist deren Entfernung ärgerlich.

Testverbau einer der maschinell gefertigten Verschlussbügel
Die per CNC hergestellten Verschlussbügel sind da

Der nächste Schritt: Die Fertigung eines exakten Bauteils, so wie es die CAD-Zeichnung wollte. Da ich selbst über keinerlei CNC-Fräser oder -Plasma-, -Laser, usw. -Schneidgeräte verfüge, war das nun final ein Fall für den Dienstleister. Ich entschied mich für Xometry. Nach langem Hin und Her bzgl. Material (Ziel war eigentlich Edelstahl 1.4301), Anzahl der zu fertigenden Teile, etc. entschied ich mich für die Konstellation: 8 Bauteile, Stahl S235. Preis: ca. 70 Euro. Damit hätte ich dann genug Bauteile, um daraus vielleicht noch die ein oder andere Abwandlung herstellen zu können, wie z. B. die abgeflachte Oberkante. Material abflexen geht schnell, wieder dranschweißen ist etwas aufwendiger.

Es dauerte dann etwa drei Wochen, bis die fertigen Teile mich erreichten. Gefertigt wurden diese irgendwo in Rumänien. Vorab lässt sich dies nicht bestimmen, Xometry wählt hier offenbar den (hoffentlich) besten Anbieter und Fertiger für den spezifischen Auftrag aus. Beschweren kann ich mich nicht, die Verschlussbügel kamen in einem besseren Zustand, als ich es erwartet hätte, wenn auch nicht perfekt: die Kanten und auch die Zahnreihen verlangen aufgrund ihrer Scharfkantigkeit manuelle Nacharbeit. Außerdem zeigen Ober- und Unterseite ein unterschiedliches Finish. Für ein mögliches Consumerprodukt wäre das störend gewesen, für die ersten Prototypen akzeptabel. Hätte ich gleich 1000 Bügel fertigen lassen, hätte jeder nur noch um die 3 Euro gekostet. Die Stückpreise bei nur wenigen zu fertigenden Teilen sind horrende. Daher acht Teile statt nur zwei.

Auf dem obigen Bild ist übrigens schon einer der CNC-gefertigten Verschlussbügel in der CL11 verbaut. Oben links im Bild liegt mein “handcrafted” Bügel, nun mit ein paar mehr Zähnen als vormals vorgestellt.

Um der Anonymität von großen Fertigungspartnern bzw. Anbieterportalen zu entgehen, machte ich mich parallel auf die Suche und wurde bei einem Betrieb im Umland von Hannover fündig. Ich schätze die persönliche Erreichbarkeit. Und dort würde zum gleichen Stückpreis auch in Edelstahl gefertigt werden per Wasserstrahlschneiden. Ein Verfahren, welches ich in Zukunft auf jeden Fall einmal testen werde, soll es doch Schnittkanten erzeugen, die weniger Nacharbeit erzeugen, jedenfalls im Vergleich zum Plasma- oder Laserschneiden. Das gilt es aber noch, herauszufinden.

Die gelieferten CL12 noch in der Originalverpackung
Die späteren Teileempfänger (CL12)

Nun war alles ausprobiert, die Teile lagen vor, also war jetzt der Zeitpunkt gekommen, das erste Komplett-Modell zu bauen. Da die aus Stahl gefertigten Bügel mit ihrer Rauheit optisch besser zu den Edelstahlmodellen passte, bestellte ich zwei CL12 im Fachhandel. Die letzte offene, mit ein wenig Bangen behaftete Frage nach etwaigen Verbesserungen der Geometrie über die Bauzeit hatte sich nach dem Auspacken der Lieferung zu meinen Gunsten beantwortet: nein, es flossen keine für mein Vorhaben relevanten Änderungen ein. Somit mussten meine Bügel auch in die neu erstandenen Modelle passen. Nun ging es an die Entfernung der originalen Verschlussbügel. Jedem, der sich dies auch antun möchte, kann ich nur zur Verwendung einer stationären Fräse raten, um den Nietkopf auch wirklich genau zu treffen und abzutragen. In diesem Fall hatte ich zuerst mit einem 5mm Fräser den Nietkopf abgetragen, bevor es mit einem 3mm Fräser einige Millimeter tief weiterging. Letztendlich so viel, damit der Rest des Niets ausgetrieben werden konnte.

Während man bei Clejuso-Modellen als Vernietung rundherum Normteile findet, sieht es genau beim Verschlussbügel anders aus. Wer weiß, wo ich diesen speziellen Niet mit ca. 3,5mm Schaft- und 5 bis 5,3mm Kopfdurchmesser herbekomme, möge sich bitte melden! Zu finden ist dieser meiner Erfahrung nach bei den Modellen CL11, 12, 19R und 9 – und bei vermutlich weiteren, konstruktiv ähnlichen Produkten aus dem gleichen Hause. Eine Rückfrage bzw. Anfrage zum Kauf einiger dieser Niete beim Hersteller in Solingen verblieb leider ohne Antwort. Bis heute kann ich diesen Niet keiner mir bekannten Norm zuordnen. Als Ersatz verwendete ich Halbrundniete nach DIN660 mit 4mm Schaft, welche ich mittels Drehmaschine auf 3,5mm abdrehte. Die Nietkopfformung geschah manuell mit dafür speziell ausgeformten Dornen und einem Niet- bzw. Karosseriehammer (abgerundeter Kopf). Aber auch das ist ein Dauerthema, beschäftigt man sich mit den Produkten aus Solingen, und zieht sich wie ein roter Faden durch die Artikel. Auch aus diesem Grund wird es Zeit, über den deutschen Tellerrand zu schauen.

Vergleich der originalen gegenüber der neuen Vernietung
Links: die originale Vernietung, rechts: der neu gesetzte Niet

Und wie sieht’s nun aus? Dafür habe ich das zweite Paar der gelieferten CL12 erstmal im Ausgangszustand belassen, um für die Fotos einen Vergleich zu haben. Die Innenmaße beziehen sich auf den Zustand vom folgend linken Bild, d. h. im normal geschlossenen Zustand.

EigenschaftCL1212L
Innendurchmesser61mm / 53mm56mm / 45mm
Gewicht295g325g
Zähne1518

Das, was American Handcuff mit seiner Juvenile-Version erschuf und Smith&Wesson als seine M1 anbot, habe ich nun mit meiner “12L” geschaffen. “L” steht in diesem Zusammenhang für “Ladies”, also die Trägerinnen oder Inhaberinnen der tendenziell schlankeren Handgelenke. Durch die im Vergleich zum Originalteil verlängerten Zahnraste kann die Handschelle aber auch für normal-große Handgelenke eingesetzt werden.

Ist das Projekt “12L” damit fertig und abgeschlossen? Nein, die neuen Verschlussbügel am allerersten Modell bedürfen noch der Nacharbeit. Sie sind stellenweise vergleichsweise scharfkantig, ebenso die Verzahnung. Ich werde sie dahingehend noch der Basis, also dem hier verwendeten Handschellenmodell, anpassen.

Des Weiteren existieren noch Verschlussbügel für drei weitere potenziell anzufertigende Exemplare. Eine weitere Produktion ist nicht geplant, solange nicht eine eindeutige Nachfrage entsteht. Im Rahmen meiner angestrebten Gewerbeanmeldung lerne ich bei jeder Recherche zu diesem mehr und mehr Untiefen kennen, so dass eine Fertigung über die Bastler- und Prototypenmodelle hinaus unrealistisch erscheint, da (zu) viele rechtliche Einschränkungen einen internationalen Verkauf zu einer unüberwindbaren Hürde machen. Ich hatte mich da neulich vom Hauptzollamt beraten lassen. In diesem Land und Kontinent der allumfassenden Vorschriften hilft auch kein Zaubertrank mehr.


Noch ein paar Worte der Nachbetrachtung. Ich schrieb ja Einiges über Maßschneiderei dieser Handfessel, Anprobe, etc. Natürlich würde ich auch dies gerne hier in Wort und Bild demonstrieren, den s. g. Proof-of-Concept zeigen. Da dies jedoch als eine Form der Gewalt missverstanden werden könnte und ich den daraus resultierenden Zusatzaufwand nicht bereit bin, zu stemmen, werden solche Bilder hier nicht oder nur noch sehr sehr eingeschränkt veröffentlicht.

Als zweites, und mitunter noch gewichtigere Ursache, seien die mittlerweile Heerscharen von fragwürdigen, sozial vermutlich sehr einsamen Bildersammlern erwähnt, die unermüdlich durchs Netz surfen, nur um auf zwielichtigen Seiten irgendwelche visuelle Räuberware als ihre Machwerke auszugeben und sich damit zu brüsten, womöglich noch eine persönliche Beziehung zu den abgebildeten Personen zu phantasieren. Ich sehe nicht ein, diesen Mitmenschen Futter und mitunter Vorlagen zu servieren. Daher bleibt es, zumindest hier, bei einer technischen Betrachtung des Themas.